Titel gelaufen Untertitel
[12.10.2008] Grazmarathon
gescheit, gescheiter, gescheitert; mein erstes DNF ...
als ich diesmal von meiner frau geweckt werden muss, ist eines schon klar: es zwickt und zwackt immer noch hinten am linken oberschenkelansatz und auch im bereich der rechten kniekehle; aber nur leicht und nicht wirklich bedrohlich. alles in allem fühle ich mich aber ausgeschlafen, gut regeneriert und mich überkommt auch endlich ein wenig wettkampffieber, das sich diesmal so gar nicht einstellen wollte, weil meine gedanken einfach in einer ganz anderen richtung kreisten, die letzten wochen. so machen sich birgit und ich nach reichlich kaffee und zwei dünn belegten scheiben toast auch gut gelaunt auf nach graz. schließlich soll's dann ja am späten nachmittag noch weiter in's burgenland gehen, um ein paar tage auszuspannen.
nach der üblichen prozedur bei sohn martin mit schwiegerhund parken wir das auto in der annenstraße (keine VIP-karte heuer, leider) und spazieren gemütlich richtung oper. dass es heute warm werden würde, ist schon seit tagen klar, bekümmert mich im moment aber wenig und so setzen wir uns in einen kleinen park am ende der herrengasse, wo auch andere läuferInnen sich für den lauf bereit machen. das startsackerl wird von unnötiger werbung befreit, ich dehne mich ein wenig, verklebe mir die brustwarzen und wir genießen ein wenig die sonne, die schon wohlig wärmt. wir vereinbaren noch die standpunkte, an denen mich birgit anfeuern soll und die zugehörigen möglichen zeiten. allen umständen zum trotz (ausfall eines langen laufs, schlafmangel in den letzten wochen und damit verbundenes kleines motivationsloch, leichte erkältung seit dienstag, die zu erwartende hitze) will ich die 3:15 probieren und plane für den ersten halbmarathon eine durchgangszeit von knapp unter 1:37, um noch ein wenig luft für die zweite hälfte zu haben. wir gehen gemeinsam richtung startaufstellung, ich noch kurz in den läuferInnenbereich, um mein kleidungssackerl abzugeben, und rauchen noch schnell eine gemeinsam.
da martin beim abholen der startnummer eine zielzeit von 3:30 angegeben hat (fragt mich nicht, warum), muss ich mich in den zweiten startblock zwängen, aber auch das stört mich nicht weiter. rolle ich das feld halt wieder mal von weiter hinten auf. mich wundert zwar wie so oft, wer da alles herumsteht, der da eigentlich gar nichts zu suchen hätte, aber egal. es wird gemeinsam von 10 herunter gezählt, und langsamen schrittes bewegt sich die menge richtung starttor.
etwas mehr als eine minute später drücke ich meine stoppuhr ab und los geht der slalom quer durch die vielen langsameren läuferInnen, die ihr eigenes laufvermögen nicht einschätzen können oder wollen. macht eigentlich spass, lenkt ab und verhindert vor allem einen zu schnellen beginn. nach knapp 900 metern habe ich mich einigermaßen freigelaufen und drücke die stoppuhr wenig später erstmals bei 4:36 ab. passt perfekt und ich halte mein tempo, um mal zu schauen, wie schnell ich ohne behindert zu werden laufen kann. vorbei an den ersten bands wird der zweite kilometer mit 4:26 absolviert und ich drücke auch prompt ein wenig auf die tempobremse, um nicht zu überziehen. damit ist das berganstück zum hilmteich auch schon absolviert, die erste wende wird durchlaufen und es geht leicht bergab zurück richtung innenstadt. vorbei an der ersten labestelle und an kilometer 3 (4:38) mit zischendurch eingestreuten kurzen euphorieschüben, weil im moment alles einfach wunderbar läuft und die stimmung im feld und an der strecke einfach wunderbar ist. zwar ist mein schritt etwas unrund, aber das war er in letzter zeit im training auf den ersten kilometern auch immer so, und meistens konnte ich mich davon freilaufen, sobald ich länger unterwegs war. kein grund zur sorge also, und so werden die nächsten kilometer schnell geschluckt, immer darauf bedacht meinen vorgesehenen schnitt von leicht unter 4:35 zu halten. dabei fällt es mir nicht schwer zwischendrin am tempo zu drehen, wenn ich so wie bei kilometer 6 (4:47) merke, dass ich langsamer geworden bin. nächste wende bei der kalvarienbrücke, kilometer 7 mit 4:21 zu schnell gelaufen und ab geht's richtung puntigam, der mur entlang. auf einmal überhole ich arnold, der an sich deutlich langsamer laufen sollte als ich, sich aber ganz vorne in der startaufstellung postiert hatte. ein kurzer wortwechsel und vorbei bin ich. rechts von mir macht sich auf einmal ruth lautstark bemerkbar, die leider aus gesundheitlichen gründen ihren halbmarathon nicht antreten konnte, feuert mich ordentlich an und beschert mir damit ein stimmungshoch, das mich gut weiterträgt zur nächsten labestelle, an der ich erstmals einen becher isogetränk über mich verschütte (na sagen wir halb innen, halb aussen). dieser kilometer acht ist trotz labestelle in 4:34 erlaufen und auch die nächsten beiden fallen mit 4:33 und wieder 4:34 sehr gleichmäßig aus. zwischendrin konzentriere ich mich ein wenig auf die zahlreichen zuschauerInnen, in der hoffnung, vielleicht doch meine frau (geplant ist's ja erst beim halbmarathon) zu erspähen, oder vielleicht gar meinen sohn martin, der es an sich nur ein paar meter von der kosakengasse zur marathonstrecke hätte, aber es irgendwie um diese zeit noch nie aus der wohnung geschafft hat. sei's drum, ich bin auch so gut beschäftigt und liege mit 45:30 für die ersten 10 kilometer bestens im plan. bei kilometer 10,5 gibt's nochmals einen ordentlichen trubel (erste übergabe für die marathonstaffeln), ich passiere kilometer 11 mit 4:28 und weiss, dass nun eher trostlose 7 kilometer folgen werden, ehe es am augarten vorbei wieder ordentlich stimmung an der strecke geben wird. so habe ich zeit auf meinen körper zu horchen, nehme wahr, dass es doch langsam aber sicher deutlich warm wird, aber noch alles im lot ist. zwischendurch nehme ich wieder ohne zeitverlust ein getränk auf, halte meine zeiten recht gut und schwenke alsbald mit all den anderen, die inzwischen doch schon alle ihre position und ihr tempo gefunden haben, nach rechts richtung puntigamerbrücke. hier auf diesem wohl ödesten teil der strecke verliere ich etwas tempo (4:43), das ich aber sofort wieder beschleunigen kann, als es wieder nach links zurück richtung innenstadt geht. es scheint immer noch allen umständen zum trotz recht gut zu laufen für mich, ich kann mein tempo gut halten, fühle mich noch nicht annähernd erschöpft und meine gedanken kreisen schon ein wenig um die letzten acht bis zehn kilometer, und stimmen sich schon jetzt auf den dann wohl anstehenden kampf und krampf ein. kilometer 16 wird wieder plangemäß in 4:36 durchlaufen und ein getränk an der entsprechenden labestelle aufgenommen (das gelingt heut' eigentlich hervorragend).
tja! der rest ist eigentlich schnell erzählt. denn plötzlich verspüre ich ein überdeutliches ziehen im linken oberschenkel, das noch durch das gefühl ergänzt wird, keinen halt mehr zu haben, wenn ich mit dem linken fuss auftrete. ich passiere kilometer 17 zwar ohne tempoverlust mit 4:37, merke aber, wie ich deutlich in einen entlastungsschritt verfalle. fast so, als würde ich mein linkes bein nachziehen. obwohl ich aus einer inneren verzweiflung heraus damit momentan deutlich schneller werde, ist mir klar bewußt, dass solch schritt über längere distanz gelaufen unweigerlich dazu führen müsste, meinen restlichen bewegungsapparat auf diese distanz überdeutlich zu belasten. und so glaube ich nicht mehr, dass ich den marathon durchlaufen kann. kilometer 18 passiere ich zwar in 4:23, aber gleichzeitig fasse ich den entschluss, beim halbmarathon auszusteigen. dieses zusätzliche hemmnis ist mir dann einfach zuviel für heute. so trachte ich nur noch mein tempo in's ziel zu bringen, bemerke etwas wehmütig, dass es mir an sich körperlich noch sehr gut dabei geht, humple aber zwischendrin schon ganz schön deutlich. in der herrengasse jubelt mir auf einmal wieder ruth von der seite zu, läuft ein stückchen mit mir mit, und ich erkläre ihr, dass ich aussteigen werde. in dem moment laufe ich wohl gerade wieder etwas runder, weil sie meint, dass es an sich ganz gut ausschaut, was ich da mache, aber bald schon verfalle ich wieder in mein entlastungsgehumple. auf der zielgerade bleibe ich solange es geht noch weit links auf seite der marathonläuferInnen, um birgit, die da auf mich warten sollte, meinen entschluss mitzuteilen, schwenke dann aber notgedrungen ein richtung halbmarathon-ziel, werde dabei doch noch von birgit gesehen und drücke meine stoppuhr ab. aus vorbei. nicht wirklich ausser atem - wie nach einem schnelleren trainingslauf - nehme ich dennoch meine medaille entgegen und stelle mich um meinen kleidersack an.
1:36:02 ist die offizielle zeit, die ich am abend über umwege im internet recherchiere - die DNFs werden in der ergebnisliste nicht angeführt, warum auch immer.
ruth ist mir in den zielbereich gefolgt und gratuliert mir zu meiner entscheidung und zum immerhin dennoch guten halbmarathon, den sie so gerne auch gelaufen wäre, und hilft mir so über die doch etwas aufkeimende enttäuschung hinweg. wir treffen birgit am ausgang des läuferInnenbereichs, und auch sie bekräftigt mich in der richtigkeit meiner entscheidung. hat ja mal was, nach einem wettkampf nicht ausgepowert zu sein, sondern immerhin noch gut bei kräften, wenn auch mit leichten schmerzen im oberschenkel. und als ich an der zielgerade angekommen von birgit mit einem bier versorgt werde, ist meine gute laune endgültig wieder zurückgekehrt:
es ist schön, ruth wieder getroffen zu haben, und entspannt mit ihr hier am streckenrand noch nett zu plaudern, ehe sie uns wieder verläßt, um ihre männer zu versorgen. es ist schön die sehr große anzahl an halbmarathonläuferInnen zu beobachten, die - teils schon deutlich angestrengt bis verzweifelt und allesamt in teilweise deutlich langsamerer zeit als ich - dem ziel entgegen traben. es ist schön erstmals die afrikanischen spitzenleute beim laufen zu sehen, die mit - wohl temperaturbedingter - teils deutlicher verspätung gegenüber der halbmarathonzeit dem ziel entgegenstreben. es ist schön den ersten österreicher zu beklatschen und auch jene läuferInnen zu sehen, die es trotz der ungewohnt hohen temperaturen immerhin noch unter drei stunden ins ziel schaffen. wahnsinn, und für mich vollkommen unvorstellbar. es ist schlichtwegs schön hier mit birgit zu stehen und selbst wieder an einem wettkampf teilgenommen zu haben, wenn auch mit eher mäßigem erfolg.
am hauptplatz kurz vor 13:15 keimt ein letztes mal ein wenig enttäuschung und wehmut in mir auf bei der vorstellung, dass ich mich beim hinabspazieren der herrengasse wohl selbst hätte erblicken können, wäre alles nach plan gelaufen. aber unter der dusche bei martin ist's endgültig abgehakt und birgit und ich verbringen mit kathi, martin und schwiegerhund noch einen schönen nachmittag, ehe wir uns ins auto setzen und ins burgenland fahren.
als kurzes resumee bleibt folgende steigerung übrig:
es war gescheit überhaupt an den start zu gehen und den versuch zu wagen. wettkampf bleibt wettkampf und ein solcher ist nun mal das salz in der läuferInnensuppe.
es war dann doch gescheiter auszusteigen, bevor ich ernsthafte probleme bekomme, die mich möglicherweise für längere zeit deutlich beim laufen behindert hätten.
letztendlich bin ich aber am ziel gescheitert, unter 3:15 zu bleiben. und auch das wird mir in erinnerung bleiben.
ist so, schwamm drüber, es gibt ja noch ein läuferisches morgen ...
[zurück zur Übersicht]