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[30.03.2008] mur halbmarathon 08 - Graz
von zweifel und nervosität über risiko und erschöpfung zum erfolg ...
die letzten tage und wochen waren ja eher von selbstzweifel und müdigkeit geprägt. war mein training gut, habe ich nicht doch deutlich überzogen, warum wird's gefühlsmäßig eigentlich immer schlechter statt besser? diese und ähnliche gedanken quälten mich auch samstag nachmittags am balkon und konnten auch durch ein kurzes schnelles läufchen nicht wirklich beseitigt werden. ganz offensichtlich hat mich meine teilnahme am runnersworld-forum samt dem gegenseitigen pushen dort doch mehr beschäftigt und unter druck gesetzt, als angenommen. zudem hatte ich so viel energie wie nie zuvor ins training investiert und fürchtete wohl, dass das alles umsonst war. egal, ich stellte schon am samstag auf sommerzeit um, und ging zwar zweifelnden herzens aber doch sehr früh ins bett, um wenigstens einigermaßen ausgeschlafen zu sein, am sonntag.
der neue tag begrüßte mich mit strahlend blauem himmel bei allerdings nur knapp über 0° C. und er fühlte sich absolut gut an. kein übertriebenes müdigkeitsgefühl in den beinen, kein zwicken und zwacken mehr, nicht gerädert sondern einigermaßen frisch. war das empfinden der letzten tage also doch nur der vorwettkampfnervosität geschuldet? noch ausgiebig gedehnt, drei tassen kaffee getrunken und auch alles sonst, was so zu erledigen ist, erledigt. und so gingen birgit, lukas und ich kurz vor acht uhr zum auto, um meine mutter abzuholen, die uns, wie schon in stainz auch, begleiten würde. die fahrt nach graz verlief ruhig, ich behielt die temperatur im auge, die einfach nicht steigen wollte, und machte mich schon mit dem gedanken vertraut, mit langärmligen shirt zu starten. die übliche prozedur beim abholen meiner startnummer bei martin mit einem wie immer voll abgedrehten schwiegerhund und dann noch die kurze fahrt zur herrgottwiesgasse. kurze fahrt, jaja. inzwischen mit startnummer im gepäck vollkommen nervös gab's gleich wieder 2 verkehrsübertretungen und zusätzlich einen blackoutbedingten umweg, bis wir endlich in die richtige straße fanden. schnell umgezogen und doch das kurze shirt gewählt, weil die sonne hier in graz zwar die temperaturen auch noch nicht richtig angeheizt hat, aber stark genug war, um die nackte haut wohlig zu wärmen. 10 minuten einlaufen, wie immer noch eine gepofelt und auf geht's zum start, nachdem ich noch schnell meine lieben umarmt hatte.
am start, der diesmal nicht nach hinten versetzt sondern auf höhe des vorjährigen ziels war, reihe ich mich diesmal deutlich weiter vorne ein, weil ich heute keinen bock darauf habe, mich erstmal durchs halbe feld durchkämpfen zu müssen. die taktik stand inzwischen auch schon fest und war einfach: losrennen so schnell, wie es sich gut anfühlt, zur not kleine tempokorrekturen nach oben oder unten, aber jedenfalls auf risiko. was nutzt's mir, wenn ich am ende noch kraft hätte, und dafür die zeit miserabel wäre. und eine zeit von ca. 1:32:30 muss her, um mich weiter an mein trainingsprogramm glauben zu lassen. die letzten zehn sekunden werden heruntergezählt, startschuss fällt und ab geht die post. und wie sie abgeht. ohne viele positionskämpfe (habe mich also richtig eingereiht) laufe ich gefühlsmäßig locker dahin und passiere den ersten kilometer (stand die tafel im vorjahr nicht an der komplett selben stelle?) bei 3:21. vollkommen unmöglich, denke ich mir, aber die erleuchtung, dass der start ja weiter vorne war und daher der erste km zu kurz bemessen, erklärte das ganze ein wenig. aber jedenfalls zu schnell, soviel steht fest. also ein wenig das tempo herausgenommen, ein paar läufer vorbeigelassen und gut gelaunt den nächsten kilometer gelaufen. 4:04, immer noch deutlich zu schnell, also nochmals ein wenig auf die bremse. bei meinem tempogefühl ist's halt nicht immer einfach, ein gewünschtes tempo zu erreichen (wobei, welches tempo wünsche ich mir eigentlich) und so kann ich mich während eines laufes (vor allem in der ersten hälfte) immer nur daran orientieren, wie sich das tempo anfühlt und ob ich es wohl bis ans ende einigermaßen halten kann, ohne einzubrechen. es fühlt sich gut an und so stoppe ich den nächsten kilometer bei 4:21. hm? einmal noch probiert ein ganz klein wenig schneller zu laufen, in mich hineingehorcht und ja, auch ein ganz klein wenig schneller fühlt sich noch gut an, einstweilen halt. :-) kilometer 4 wird in 4:12 passiert und wir befinden uns inzwischen auf der murpromenade abseits der straße und siehe da, so wirklich ganz flach ist der kurs nun auch wieder nicht. ich suche meine arbeitskollegin barbara, die ja im vorjahr dankenswerterweise für ein foto an dieser stelle gesorgt hat, aber sie ist nicht da. schade, kann ich also nur auf die fotografischen künste von lukas hoffen, der diesmal (mit aufgeladener batterie) für die fotos zuständig ist. barbara erklärt mir im übrigen später, dass sie sehr wohl wieder dort gestanden war, allerdings zu spät, um mich noch zu sehen. ab diesem zeitpunkt jedenfalls mache ich mit mir selbst endgültig aus, dass ich das risiko nehmen werde und tatsächlich den versuch starte, unter 1:30 zu bleiben. heißt also ich muss mich ab jetzt nur mehr darum kümmern, im schnitt so an den 4:15 für den kilometer dran zu bleiben solange es geht, um am ende dann vom vorsprung zu zehren, den ich mir auf den ersten beiden kilometern erarbeitet habe. es läuft gut und bei kilometer 6 passieren wir die brücke über die mur und machen uns für gut 10 km auf den weg flussabwärts. die zeiten liegen jetzt allesamt mal ganz knapp, einmal (bei der wende, also erklärbar) etwas deutlicher über 4:15, aber ich habe ja noch (zeit)reserven. neben mir bemerke ich einen läufer, der wohl ungefähr mein alter hat (vielleicht ein wenig älter oder auch jünger, beim laufen schaut man mal schon etwas angestrengter aus) und mit dem ich mir schon ab kilometer 5 ein kleines duell liefere. mal läuft er mir vor, gewinnt ein paar meter, dann ziehe wieder ich das tempo an und überhole ihn, aber wir bleiben die ganze zeit mehr oder weniger zusammen. vor uns 3 andere läufer, die konstanter laufen und auch konstant vorne bleiben, ohne allerdings den abstand zu uns merklich vergrößern zu können. hin und wieder überholen wir ein paar läufer, seltener aber doch werden auch wir überholt und stehen gelassen (die spätere siegerin bei den frauen passiert uns irgendwo zwischen kilometer 6 und 10). langsam beginne ich meine 10km-durchgangszeit hochzurechnen, und da ist sie plötzlich, die erkenntnis: nachdem ganz offensichtlich alle kilometerschilder wie im vorjahr stehen und der erste kilometer (inzwischen ist mir das nach einiger überlegung klar geworden) um jene 98 meter zu kurz war, die eben den halbmarathon von einem 21km-lauf unterscheiden, würde meine 10km-zeit keine aussage haben, weil sie um 98 meter zu früh genommen wird. scheibenkleister, hieße dann ja vielleicht auch, dass der halbmarathon um diese 98 meter zu kurz wäre und eine etwaige persönliche bestzeit gar nicht zählen würde. aber stand da nicht irgendetwas von ÖLV und IAAF/AIMS in der ausschreibung und müßte nicht daher die distanz stimmen? geplagt von diesen gedanken passierte ich das 10km-schild in 41:31 (auch für 9902 meter eine wahnsinnszeit im hm) und 4:06 schnitt, und denke mir, dass ich jetzt bald meine lieben treffen würde, die wie im vorjahr zwischen kilometer 10 und 11 stehen würden. und so bleibe ich am drücker. irgendetwas an der strecke irritiert mich zwar, aber da sehe ich schon lukas mit fotoapparat, mama und birgit, die mir fröhlich zujubeln. ich kann noch lächeln (zumindest bilde ich mir das ein), winke und vorbei bin ich. ich erblicke km-schild 11, passiere es in 4:24 und wundere mich, dass tempogefühl (ich wähnte mich eher schneller als auf km 10) und tempo so weit auseinander liegen können. bei der labestation kurz vorher habe ich versucht etwas flüssigkeit zu mir zu nehmen, mehr als ein tropfen auf den heissen stein wird's aber nicht gewesen sein und schon gar keine erklärung, dass ich so langsam wäre. apropos heisser stein: nicht dass es übermäßig warm war an diesem tag. aber die herabknallende sonne und der umstand, dass alle letzten läufe bei sehr viel niedrigeren temperaturen stattgefunden hatten, gaben mir ab diesen zeitpunkt doch deutlich zu denken. aber noch läuft es gut, meine mitläufer waren immer noch auf gleicher distanz, und kilometer 12 wird in 4:15 erobert. nachdem ich doch ein klein wenig vom tempo gegangen bin, wird mir zu diesem zeitpunkt klar, dass wir auf kilometer 11 wohl die fehlenden 98 meter aufgeholt hatten. im ziel bestätigt mir dann meine frau birgit, dass sie mich fast versäumt habe, weil die strecke diesmal weiter aussen auf der straße verlief und sie zuerst mit dem rücken dazu gestanden ist und sich wunderte, warum keine läufer vorbeikommen. meine kleine welt ist also wieder in ordnung und ich bemühe mich einfach, endlich meinen duellanten abzuhängen, bzw. wenn er dann wieder an mir vorbeizieht mich nicht umgekehrt abhängen zu lassen. das alles läuft bei schon etwas schwererem schritt mit zeiten knapp über 4:15 pro kilometer ab. gerade als ich mir mühsam ausgerechnet habe, dass ich auf den letzten fünf kilometern selbst noch mit einer pace von 5:00 neue bestzeit laufen würde, und wir uns nach kilometer 16 auf der letzten wende befinden, trifft mich durchaus erwartet erstmals das gefühl, dass ich deutlich müde werde. meine nebenmänner scheinen mir aber auch gezeichnet und so mache ich das, was ich bei den vielen 35ern bislang gelernt habe. ich beisse die zähne zusammen und kämpfe, wohl wissend, dass ich das inzwischen gut gelernt habe. dabei überhole ich einen der drei läufer, die bislang eigentlich immer konstant vor uns gelegen sind und dem auch langsam die kräfte verlassen und kann meine zeit einigermaßen halten. bei kilometer 18 gibt's einen kurzen schwenk mit steigung zur brücke über die mur und plötzlich will mein hirn nicht mehr. "aus, vorbei, stehen bleiben, sterben" signalisiert es mir. unmöglich, noch die läppischen 3 km bis ins ziel zu laufen. wertlos, überhaupt den versuch zu starten. mein körper ignoriert die signale, will, ja muss sich weiterschleppen, muss aber auch den läufer ziehen lassen, mit dem er sich so tapfer gematcht hat. die zeit verrinnt unendlich langsam und als ich endlich am kilometerschild 19 vorbei laufe, stelle ich fest, dass ich mit 4:31 zwar deutlich langsamer geworden bin, aber immer noch einigermaßen laufend unterwegs. ich zwinge mich also das tempo zu halten, auch wenn ich das gefühl habe, nur mehr weiter zu stolpern, wehre mich verzweifelt gegen jeden impuls, doch wenigstens zu gehen, wenn ich schon nicht aufgeben will, und trauere schon der vergebenen chance nach, unter 1:30 zu bleiben. scheiss drauf, denk' ich noch, hätte ich mir heute vor dem lauf ohnehin nicht annähernd erträumt. als ich mit 4:38 den km 20 passiere geht auf einmal ein aufschrei durch meinen körper. NEIN!!! so einfach mache ich es mir nicht! ich schaffe es tatsächlich, nochmals auf's tempo zu drücken, atme nicht mehr, sondern stöhne schon eher, merke wie langsam der magen zu rebellieren beginnt, aber ich beisse durch. kurve links, kurve rechts, zurück in die herrgottwiesgasse, das ziel vor augen und ein letztes mal alle kräfte mobilisiert. stoppuhr abgedrückt, stehengeblieben, körper nach vorne gebeugt, um die medaille umgehängt zu bekommen. langsam richtung family gegangen, die mich freudestrahlend erwartet. vor allem meine mutter, die sich nach ihren ersten worten so sehnlichst gewünscht hatte, dass ich noch unter 1:30 ins ziel käme (ich weiss wirklich nicht, warum sie mir das zugetraut hat, aber sie hat recht bekommen) und mir gleich bekanntgibt, dass ich es wohl knapp geschafft haben müßte. ich tapse erstmals weiter, um das groß angekündigte überraschungsgeschenk abzuholen. welch überraschung, dass davon keine spur ist. kein shirt (wie erhofft) sondern zwei flaschen mit getränken und dafür kurzer ärger bei mir (und wohl auch den meisten andern teilnehmerInnen). jetzt blicke ich einmal auf meine uhr und ja, ärger vergessen, weil unter 1:30 geblieben. langsam bekomme ich wieder leben in den körper, beginne mich über meine leistung zu freuen (den breiten grinser bekam ich den ganzen restlichen tag nicht mehr aus dem gesicht) und wir machen uns zum festzelt auf, wo ich im freien einmal langsam ein bier zu mir nehme (welch aussergewöhnlicher genuss). rauchen geht auch schon wieder, man plaudert nett mit dem tischnachbarn, dessen frau den 3. platz in ihrer altersklasse letztendlich nur ganz knapp versäumt hat, und freut sich gemeinsam der sonne und des lebens. ich gehe mich duschen, auch dort kleine plauderein unter läufern, grinse wie ein hutschpferd durch die gegend und genehmige mir noch ein bier, während wir auf den aushang des ergebnisses warten. schließlich will man ja auch noch seine platzierung wissen. bald darauf ist es auch soweit und ich strahle ein zweites mal, ob eben dieser:
1:29:46 93. von 620 teilnehmerInnen (13. M45 von 113)
13 ist also eine glückszahl für mich und damit auch der umstand zum positiven geklärt, dass ich vor dem wienmarathon insgesamt 13 35er gelaufen sein werde (jaja, alles muss miteinbezogen werden, in die wettkampfplanung). wir trinken langsam aus und fahren zurück zu martin. nachdem das irische pub, das wir an sich aufsuchen wollten, geschlossen hat, finden wir nach einem weiteren fehlversuch endlich ein geöffnetes lokal. dort wird mir bei meinem steirischen backhendlsalat ein stück fisch untergejubelt, es schmeckt aber dennoch hervorragend. beim abschließenden kaffee in einem anderen lokal treffen wir auch noch kathi samt schwiegerhund und am späteren nachmittag machen wir uns dann glücklich und zufrieden auf den weg nach hause. am abend am balkon stelle ich - immer noch übers ganze gesicht strahlend - für mich fest, dass sich das training nun doch ausgezahlt hat und ich wieder einmal schneller war, als meine träume! ;-)) kann so weiter gehn, muss es aber auch nicht unbedingt. man will ja nichts übertreiben.
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